Jenny takes them all. With her camera.

Gekommen, um zu backen

Es ist nicht (so) wichtig, was vereinbart wurde, vielmehr kommt es darauf an, flexibel zu sein. Diese Grundimmunisierung verpasst einem Sólheimar. Und wie es Immunisierungen auf sich haben, ist vorher nicht wirklich abschätzbar, ob und welche Folgen sie mit sich bringen. So auch hier. Die Theorie klingt gut, der Beweis findet in der Praxis statt. Würde ich aus Amerika anstelle Island schreiben, hieße es vielleicht „Vom Tellerwäscher zum Millionär“. Und auch wenn sich Island innerhalb kürzester Zeit von seiner Finanzkrise erholt hat, kann ich noch keine Aussage treffen, ob Island ein Land zum Millionen machen ist. Die Isländer arbeiten viel. Und das nicht selten in mehreren Jobs parallel. Die auch gern konträr zueinander sein dürfen. Der Priester in Sólheimar zum Beispiel ist gleichzeitig der Systemadministrator des Dorfes. Vielleicht liegt darin die Fähigkeit höchster Flexibilität versteckt. Oder ist es vielleicht Notwendigkeit? We will see…

Sieben Jahre Backen. Manchmal wochenlang jeden Tag. Beziehungsweise jede Nacht. Und das „nur“, um die Kunden der stratum lounge glücklich zu machen und das ihnen gegebene Versprechen Wohlfühlen beim Arbeiten einzulösen. Involvement für und mit einem Anspruch. Beginnend mit der Meißner Quarktorte und dem Mandel-Apfelkuchen entwickelte sich im Verlauf der Jahre eine 108-seitige Rezepte Sammlung. Wie auch der hausgemachte Kuchen der Chefin zum Wettbewerbsfaktor wurde. Und aus der Not des Geldverdienens heraus Leidenschaft erwuchs. Eine #tagesform-unabhängige Leidenschaft. Eine wohl in früher Kindheit mit der Faszination für Omas selbst gemachte und unwiderstehlich lecker schmeckender Pfannkuchen (übersetzt für Berliner und Wessis: Krapfen, Berliner) geprägte Leidenschaft. Omi, du bist die Größte – danke, danke, danke! Und danke Papa, dass du mich des Unternehmerseins gelehrt hast. Beides und in Kombination macht mich glücklich und lässt mich heute hier sein. Hier in Sólheimar. Hierhergekommen, um zu backen. Auch wenn alles ganz anders kam und kommt.

Ohne Energie schließlich auch kein Arbeiten. Die Gleichung ist einfach. Auch und erst recht für den Empfänger der Leistung.

Sólheimar trägt sich durch unabhängig voneinander wirtschaftende Geschäftsbereiche. Einer davon ist die Bäckerei, ein weiterer die Übernachtung von Gästen oder auch das in einem ehemaligen Gewächshaus gelegene Café Graena Kannan mit bestem aus der hauseigenen Bäcker beliefertem Kuchen. Über den Preis von umgerechnet 8 Euro das Stück lässt sich zwar streiten, dafür ist lecker garantiert. Die Vorfreude war also groß, in dieser Handwerksbäckerei zur Hand gehen zu können. Gegen Bezahlung in Naturalien, sprich Bett unter trockenem Dach mit warmer Dusche und Kalorien für den Tag, einmal täglich sogar gekocht und warm. Ohne Energie schließlich auch kein Arbeiten. Die Gleichung ist einfach. Auch und erst recht für den Empfänger der Leistung.

Nun in der vierten Woche hier lebend und arbeitend, erinnert sich mein Hirn mit Beginn der ersten Zeilen dieses Beitrages an mein Lieblingsmärchen in der Personalführung meines eigenen Geschäftes. Frau Holle. Egal, ob die in den Brunnen gefallene Spule, das fertige Brot, die reifen Äpfel oder die Betten, die aufgeschüttelt werden wollen. Die Goldmarie hört deren Rufe und macht sich an die Arbeit. Und erntet dafür überraschenden Goldsegen. Dass die Berechnung der Pechmarie für die Erteilung gleichen Glücks nicht aufgeht, ist bekannt. Nun ja, ob das Glück mich zusätzlich von außen ereilen wird, darauf spekuliere ich nicht. Fühle ich das Glück doch bereits in mir. Auch wenn es nur beim Betten aufschütteln ist. Im wahrsten Sinne des Märchenwortes.

Nicht nur für Frauen, die sich ebenfalls mehr als nur zum Urlaub machen von der Insel angezogen fühlen.

Da die Welt Islands klein ist und irgendwie jeder fast jeden kennt, wenn auch nur vom Hörensagen über Umwege, war es keine große Überraschung zu erfahren, dass die dem Leser deutscher Bücher über Island bekannte Dörthe die Führung der Bäckerei Sólheimars innehat. In  „ICELAND – LOVELY HOME“ ist sie als eine von 14 nach Island ausgewanderten deutschen Frauen portraitiert. Schönes und lesenswertes Buch by the way. Nicht nur für Frauen, die sich ebenfalls mehr als nur zum Urlaub machen von der Insel angezogen fühlen. Neben dem großen Interesse, Einblicke in größer skaliertes Backen zu bekommen, war es also auch Dörthe und ihre persönliche Geschichte, die mich auf die Atmosphäre von Mehlstaub, Ofenwärme und unwiderstehlichem Duft frisch aus dem Ofen gezogener Backwaren (Frau Holle lässt grüßen) neugierig machte. Nur leider hat beides bislang kaum Zeit und Raum bekommen. Hingegen war schnell klar: Die Touristen rennen Sólheimar die Bude ein. Unerwartet. Nun ja, aus isländischer Sicht vielleicht unerwartet. Aus planvoller deutscher Sicht wohl eher keine Überraschung, wenn man sich für zentrale touristische Online Distributionskanäle entscheidet. Wohl bekannte Buchungsplattformen also. Und so unerwartet, wie die Touristen in Sólheimar die beworbenen Gästeunterkünfte nachfragen, so unerwartet entstand auch „plötzlich“ Personalbedarf für Cleaning & Caring. Ein Bedarf, der in der Hochsaison kurzfristig nicht gedeckt werden kann, weil es kaum Leute ohne Job gibt. Man bedenke, dass auf Island insgesamt knapp ein Viertel weniger Einwohner leben als im Berliner Bezirk Pankow. Also nichts einfacher, als auf frische Freiwillige zurück zu greifen. Also auf mich!

… dass unsere Qualitätsansprüche in der Dienstleistung am Gast doch erheblich auseinander gehen, das habe ich nicht lange aushalten können.

Immer schön flexibel bleiben und nicht davon ausgehen, dass der vorab vereinbarte Leistungs-Naturalien-Deal doch eigentlich anderen Inhalts war. Das habe ich die ersten Tage immer wieder zu mir selbst gesagt, was jedoch mit jedem Tag unmöglicher erschien, den ich mit der für die Gästehäuser zuständigen Verantwortlichen zusammen gearbeitet habe. Dass diese 10 Jahre jünger ist und gefühlt ein Zwanzigfaches meines Kommunikationsbedarfes aufbringt, ist leicht abzufangen. Nur dass unsere Qualitätsansprüche in der Dienstleistung am Gast doch erheblich auseinander gehen, das habe ich nicht lange aushalten können. Auch wenn es nicht mein eigenes Business ist und es monetär für mich keinen Unterschied macht, ob ich Gästen ein heimisches Wohnen oder Oberflächenpolitur anbiete, gilt für mich der Grundsatz: Do it with love or leave it. Egal, was du tust. So also auch beim Betten aufschütteln, bei zehn oder mehr Waschmaschinenladungen am Tag, bei Leuten ihr Zeug hinterher räumen oder beim Kampf gegen die Folgen des schwefelhaltigen Wassers an Duscharmaturen. Eine Freundin mit Mutter-Status hat einmal zu mir gesagt: „Ja, Job und zwei Kinder versorgen ist anstrengend. Doch wenn beide abends abgefüttert und gebadet im Bett liegen, bin ich zufrieden. Dieser Moment gibt mir Erfüllung.“ Susi, an diese Worte denke ich hin und wieder. Und jedes Mal schüren sie den Ehrgeiz, noch besser zu werden. Den Prozessablauf noch weiter zu optimieren. Wege von hier nach da einzusparen. Kurzum, nicht quatschen, sondern machen. Und dann den Gast entscheiden lassen, wie wohl er sich fühlt.

… Meditation beim Wäschefalten…

Der Goldregen durch die Gäste kam relativ schnell. In Form von dankbaren Worten. Und gleichzeitig die Erkenntnis, dass ich eigentlich zum Lernen und nicht zum Lückenfüllen gekommen war. Also angedacht und bekannt gemacht: Sólheimar, ich bin so flexibel, euch vor vereinbartem Ende zu verlassen. Ich hoffe, ihr auch. Und ja, der Ort war und ist es. Seit einer Woche werde ich nun bezahlt, wenngleich ich bis heute noch nicht weiß, in welcher Höhe und wie formal. Doch das sind ja Nebensächlichkeiten. Für Isländer zumindest. Ich kann damit leben, es wird fair sein. Ich vertraue darauf. Zudem Caring & Cleaning der Gästehäuser einige Vorteile mit sich bringt. Allgemein tägliche Fitness, Meditation beim Wäschefalten, leckeres Essen abgereister Gäste (die Sahnetorte vom Wochenende erwähne ich der Fitnesskompensation wegen nur nebenbei), direkter Zugang zu frischer Wäsche. Zum Beispiel. Und abseits jeglicher Kundenfreude und Bezahlung ist es die Veränderung im internen Prozessdenken, zu der ich irgendwie beitragen konnte. Denn dass Qualität nicht allein durch das Vertrauen in die bestmögliche Anstrengung eines Mitarbeiters gesichert werden kann, ist die letzten Wochen immer wieder auf den Tisch gekommen. Bis zu meiner Abreise in die landschaftlich schönen Westfjorde nach Ísafjörður für einen 3-wöchigen Sprachkurs werde ich also einige Prozessvorlagen aufs Papier bringen, die zukünftigen Mitarbeitern die Arbeit und den Führungskräften die Qualitätskontrollen erleichtern sollen. Mit den Erfahrungen des Kundenbetriebes der stratum lounge eine nette abwechslungsreiche Spielwiese mit Leidenschaftsfaktor. Auch und obwohl es diesmal nicht mit dem Lernfaktor Backen aufgegangen ist. Die nächste reale Gelegenheit wird sich ergeben. Da bin ich mir sicher. Insbesondere, solange ich mich in Island aufhalte.

Und die Moral von der Geschicht? Nun ja, das Thema Frau Holle ist ausgebreitet. Jedoch nicht der Appell an die eine oder andere Frau: Liebe Frau, mach den Mund auf, wenn dir etwas nicht gefällt! Auch und gerade dann, wenn die Folgen nicht genau abschätzbar sind. Unzufriedenheit ist kein guter Glücksbringer.

3 thoughts on “Gekommen, um zu backen

  1. Zu dieser Erkenntnis und dem Appell kann dir, liebe Claudia, nur gratuliert werden. Auch und insbesondere da dich der Schlag ebendieser bereits in so jungen Jahren traf. Was die Liebe zum Tun, egal ob Betten machen, kochen, backen, braten oder einfach Mitmensch sein angeht, so sollte dies unser Antrieb sein. Und frei nach dem Motto“ Du bekommst was Du sendest“ wirst du goldmariegleich belohnt.
    Ich denke oft an dich. Dein „Kleines isländisches Handbuch zur Optimierung mitarbeiterbeeinflusster Prozesse in Beherbergungsbetrieben“
    lässt sich sicherlich auch in hiesigen Etablissements gästebeglückend anwenden. Ich bitte daher um unbedingte Zusendung.
    Herzlich
    Katrin

    1. Liebe Katrin, soll ich dir etwas verraten? Während des Schreibens der Zeilen bin ich nicht umhin gekommen, an Selbstgemacht zu denken. Wenngleich euer Anspruch an Qualität und Herzlichkeit gänzlich nicht mit dem hier beschriebenen vergleichbar ist. Was ich hier zu Papier gebracht habe, wird dir nicht weiter helfen, da du das alles schon selbst umsetzt. Kurz gesagt: Du trägst die Fähigkeit der Gästebeglückung bereits in dir. Und wenn Selbstgemacht (den)noch besser werden will, dann nehme ich mir dafür gern Zeit für ein paar Anregungen. Ehrlicher Weise werde ich nur bis Herbst nicht dazu kommen. Herzlichst grüßt dich Claudia zurück!

      1. Oh ja, liebe Claudia. Das sollten wir im Auge behalten. Zwingend notwendig ist hierfür ein mehrtägiger Aufenthalt zur Erfassung des aktuellen Status(es?),umfangreiche Aktivitäten zur Qualitätssicherung und anschließend mehrfache Kontrollaufenthalte. Wir haben diverse Ideen unser Marketing betreffend die der Prüfung einer Person mit profunden Kenntnissen bedürfen. Ein Backpraktikum darf sich gern anschließen. Liebste Grüße auf die Insel mit dem heißen Wasser und den wundervollen Sonnenuntergängen. Katrin

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